Pfarrei St. Urban Ottmarsbocholt

Die Ursprünge von Ottmarsbocholt und seiner Pfarrei St. Urban liegen im Dunkeln. Als der fränkische Kaiser Karl der Große um 800 das Sachsenland (und damit Westfalen) eroberte und der friesischstämmige Missionar Ludgerus (friesischer Name Liudger [sprich wohl: Ljúdger oder Lüdjer; bedeutet "Leute-Speer"]) auf Wunsch des Kaisers die christliche Mission bzw. kirchliche Strukturierung der eroberten Gebiete übernahm, war die Davert, eine damals unzugängliche Wald-Moor-Gegend, so gut wie unbesiedelt.
Im Hochmittelalter gelang es, einen neuen Lebensstandard auf vielen Gebieten zu erreichen: Man rodete Wälder und legte Moore trocken; man konnte mehr Menschen von einer Fläche ernähren als früher; durch den Bevölkerungszuwachs wuchsen die Städte, gediehen Geisteswissenschaften (Universitäten, Scholastik), Rechtswesen (Inquisition), Kunst (Gotik) und Kultur (“Höflichkeit”, Kult der Dame, Minnesang) In dieser Zeit wurde die Davert urbar gemacht, verstärkt besiedelt und bekam auch eine kirchliche Struktur.
Im Heberegister der Abtei Werden (um 950) wird Ottmarsbocholt (“Atamaresbokholte”) zum ersten Mal urkundlich erwähnt. 1188 erscheint der Name dann im Güterverzeichnis der Grafen von Dale (das heutige Dahl bei Bork an der Lippe) als “curia Oetemarsesbucholte”. Es handelte sich also um einen Haupt- oder Fronhof mit abhängigen Höfen.
Die curia Ottmarsbocholt ging vielleicht ursprünglich zu Lehen der Abtei St. Autamar (St.-Omer) in Nordfrankreich. Diese Verbindung könnte den für die Gegend ungewöhlichen Ortsnamen Autamarsbockholte/Ottmarsbocholt erklären. Er bedeutet “Ottmars Buchenwald”. Der Name kann sich aber auch schlicht auf einen Ottmar beziehen, dem der Buchenwald gehörte, in oder an dem der Ort gelegen hat.
1188 besitzt der Ort also bereits Pfarrechte. Der Pfarrpatron ist der heilige Papst Urbanus I., der im 3. Jahrhundert die Kirche leitete und als Martyrer starb. Man nimmt an, daß die Pfarrei unter dem Pontifikat Papst Urbans II. errichtet wurde, den der Ruf der christlichen Bevölkerung des heiligen Landes nach Hilfe gegen die mohammedanischen Eroberer ereilte und der daraufhin zum Kreuzzug aufrief. Die Begeisterung, die damals auch das Münsterland ergriff, führte vermutlich dazu, daß man den Namenspatron des Papstes zum Pfarrpatron wählte.
Über das erste Kirchengebäude ist ebensowenig bekannt, wie über eventuelle weitere Vorgängerbauten zur gotischen Kirche, die zugunsten der heutigen abgerissen wurde. Jedenfalls errichtete man sie am höchsten Punkt der Umgebung. Die erste oder eine spätere Kirche wurde auf ein Fundament aus Findlingen gegründet, die sich großenteils noch heute dort befinden.
1481 wurde eine einschiffige gotische Kirche aus Baumberger Sandstein erbaut, deren Turm bis heute besteht.
Im dreißigjährigen Krieg wurde Ottmarsbocholt verheert und geplündert. Dem Pfarrer habe es, so berichtet der Chronist, sowohl an liturgischem Gerät als auch an Gewändern gefehlt, so daß er nicht imstande war, "die divina zu respiciren." Infolge der Plünderungen kaufte man im zunächst lutherisch, dann reformiert gewordenen Lünen die nun dort nicht mehr gebrauchten Geräte und Gewänder (ein enormer finanzieller Kraftakt in schwerer Zeit!). Hiervon ist bis auf den heutigen Tag (wahrscheinlich) die Lünener Monstranz erhalten und in regelmäßigem Gebrauch.
Die spätmittelalterliche Kirche wurde durch den Bevölkerungszuwachs im 19. Jahrhundert viel zu klein. Man baute Emporen ein, deren Treppen man nach außen verlegte, um Platz zu sparen. Überlegungen, die alte Kirche zu erweitern, führten zu keinem befriedigenden Ergebnis. Es mußte neu gebaut werden, und so entstand die 1887 begonnene und 1891 geweihte heutige Hallenkirche, deren Säulen auf den Fundamenten der Außenmauern der alten Kirche stehen (der Altar der alten Kirche stand etwa dort, wo jetzt in der Kirchenmitte der Kronleuchter hängt). Der Münsteraner Architekt August Hanemann hat einen eleganten, lichtdurchfluteten Sakralraum geschaffen, der auch nach den üblichen Bilderstürmen der Moderne den Beter in eine geistliche Atmosphäre hüllt.
Im 19. Jahrhundert wurde in unserer Gegend Strontianit gefunden, das in den 1880er Jahren zur Herstellung von Zucker gebraucht wurde. Der Strontianitbergbau (die Stollen existieren bis heute) ließ die Bevölkerung Ottmarsbocholts weiter anschwellen; es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung. Im Ort existierten damals zehn Wirtshäuser, von denen sich drei bis heute erhalten haben.
Für das Münsterland ungewöhnlich gibt es schon seit den 1930er Jahren in Ottmarsbocholt den Karneval, seit den 1950ern mit Prinz und Umzug. "Ottibotti – Helau!": Die Kunst, über sich selbst zu lachen, hat die Mentalität der Bewohner spürbar geprägt.